„Old Ian had a farm, E-i-e-i-o…“ – Reisetagebuch #32.2

Nach dem ersten Kennenlernen von Ian und Frau Kim bin ich nun mit deren laufendem Meter, dem Huskybaby „Buu“, unterwegs, die Farm zu erkunden. Bevor wir zusammen loshüpfen, informiert mich Kim noch mütterlich, dass der kleine Hund erst seit kurzem Familienmitglied geworden und noch nicht für den Busch und große Spaziergänge erfahren genug ist. Ich verspreche aufzupassen und weiß, dass ich auf meinen kleinen energetischen Freund ein extra Auge haben werde…

Zusammen über Stock und Stein kommen wir rasch an ein Gatter, das uns in ein am Steilhang gelegenes Tiergehege einlässt. Bevor ich die Kette zum Öffnen aushänge, ist Buu bereits unter dem Metallzaun durchgeschlüpft und hechelt mir lahmen Menschen zu. Beide drin genießen wir erstmal die Aussicht von unserem Platteau. Hinter uns vom Zaun begrenzt erstreckt sich vor uns steil abfällig eine grüne saftige Wiese. Und auf der gibt es viel zu sehen. Bärtige Ziegenböcke, die mürrisch am Gras rupfen, flauschige Schafe, die sich am nächsten Baumstamm die Wolle scheuern und eine Alpakaherde mit Baby in der Mitte. Ich, mit großen Augen näher kommend, werde vom stampfenden Alpakapapa schnell wieder in den Rückwärtsgang versetzt, als ich das große Tier auch noch schmatzen höre. Nein danke zur Dusche.

Wieder in Sicherheit will ich mich dann mal für den Heimweg aufmachen. Doch beim Umdrehen sehe ich Buu nirgends?! Sofort fallen mir die Geschichten von Ian zu den Brown Snakes ein, die laut ihm gerne im Gras und in toten Bäumen kleinen Tieren auflauern; ich bekomme Schnappatmung. Schiss das Buu dran glauben muss und natürlich davor selbst gebissen zu werden, tänzle ich rufend durch das hohe Gras und an Baumstümpfen vorbei. Meiner Stimmung nicht förderlich ist der Fakt, dass mich Kim ja extra gewarnt hatte. Haarsträuend.

Nach zwanzig zunehmend verschwitzten Minuten gebe ich es verzweifelt auf und lege mir bereits Erklärungs- und Entschuldigungsversuche bereit. Wie konnte ich den nur verlieren?!

Mit hängenden Schultern gebe ich mich geschlagen und öffne das geschlossene Tor um raus aus dem Tiergehege und wieder zum Farmhaus zu komme. Als ich dieses bereits sehe, klappt mir der Mund runter. Denn wer kommt mir da freudestrahlend und als wäre nichts gewesen entgegen? Mein kleiner kläffender Freund Buu. Natürlich kannte er schon den Weg nach Hause und natürlich hat er sich wiedermal unterm Tor durchgequetscht. Man bin ich zufrütend… naja.

Happy End!

Hendrik

„Old Ian had a farm, E-i-e-i-o…“ – Reisetagebuch #32.1

… and on that farm he had a cow, e-i-e-i-o…“ und auch eine Pute, ein paar Ziegen, jede Menge Schafe, … die Liste ist endlos. Aber wer ist jetzt dieser Ian?

Als ich an einem der zwei freien Tage, die uns bei der Farmarbeit mit Lindsay wöchentlich zum Relaxen zur Verfügung stehen, den Feldweg entlang schlendere, merke ich, dass wir mit unserer Farm doch nicht so alleine sind wie gedacht. Zehn Minuten zu Fuß auf geschottertem Untergrund in den Dschungel hinein stoße ich auf ein „gate“, dass da von mir geöffnet werden will. Bereits im Gespräch mit Lindsay habe ich von einem kauzigen, rothaarigen und bärtigen Vollblutfarmer gehört, der hier hausen soll. Klingt sympatisch.

Spontan als unbekanntes Gesicht auf fremdem Hof rumschnüffeln kann schon mal nach hinten losgehen. Keine Sorge, ich komme in friedlicher Absicht. Darüber mache ich mir jedoch gerade am wenigsten Gedanken, denn zunächst stoße ich erstmal auf jede Menge Tiere. Puten flattern im Staub, drei Kälber und Mutterkuh trotten über die Wiese und eine Gruppe Pfaue beäugt mich misstrauisch vom Dach einer halben Scheune. Als es dann plötzlich anfängt zu bellen und ein großer Hund mit festem Blick auf mich zuläuft, hinterfrage ich doch (zumindest kurz) meinen unangekündigten Auftritt.

Die Buschfeuer von Anfang 2020 haben neben Lindsays Farm hauptsächlich Ians Farm getroffen, die mitten drin und ohne Abstand zum Tropenwald gebaut ist, und somit dem Feuersturm voll ausgesetzt war. Auf der Farm stehen von den Wassertanks, den vielen Scheunen für Maschinen und Tierfutter, dem Pool und einem großen Wohnhaus nur noch eineinhalb Scheunen. Und aus dieser einen ganzen Scheune stolpert just vom Bellen des Hundes aufgeweckt eine Frau. Kim, die Farmerfrau von Ian versteht sofort woher ich komme, als ich Lindsays Namen in den Mund nehme.

Anscheinend haben bereits mehrere Backpacker ihren Forschertrieb mit einem Besuch bei Farmer Ian und Kim befriedigt. Freudig während den Corona-Isolierzeiten ein fremdes Gesicht zu sehen, führt mich die in Gummistiefel stapfende und leicht zottelige Kim über die Farm. Sie ist gerade dabei mir die Angst vor dem „liebsten Hund der Welt“, ihrer Hündin Billy, zu nehmen, da kommt ein weiterer haariger Geselle um die Ecke. Es ist ihr Mann Ian und ähnlich wie bei Billy lässt der erste Eindruck ebenfalls nur wenig auf das Innere schließen. Herzensgut und freudestrahlend heißt er mich willkommen und führt mir vor, mit welchen Tieren man hier alles kuscheln kann. Nachdem er die Enten und Puten geherzt und einen Pfau auf den Arm genommen hat, überrascht mich sein Small Talk mit den Kühen kaum noch. Verrückter Mann.

Unser kleiner Streichelzoo wird weiterhin von einem kleinen Huskywelpen untermalt, das mit Energie für zehn über die Farm flitzt, mit Katzen und Kühen spielt und nie so richtig still sitzen kann. Und da mir Kim anmerkt, dass ich mich mit „Buu“ (so der Name des kleinen Rackers) am besten identifizieren kann, meint sie, dass ich gerne mit ihm einen Spaziergang machen und gleichsam mehr von der Farm erkunden könne.

Und los!!
Hendrik

Farmurlaub mit Anzeichen von Quarantäne – Reisetagebuch #31.3

Rückblende April/Mai 2020: Quadrennen auf der Farm, Wanderungen ins dichte Grün und der beste Schmusegefährte. Wie geil und farbenfroh das Farmlife in Australien sein kann, möchte ich euch hier anhand meiner schönsten Erinnerungen auf Lindsays Farm zeigen.

Was hat fast jeder Farmer hier in Australien? Viel zu viel Land in dem man zu Fuß wohl ewig unterwegs wäre. Deswegen nochmal: Was hat fast jeder Farmer hier in Australien? Richtig, ein Quad! Und dessen Grenzen haben Zoë und ich – auch nach der Arbeit – auf den Feldwegen der Farm ordentlich ausgestest. Ob zu zweit, freihändig, bergauf oder bergab. Neben Adrenalin und Spaß habe ich für mich hierbei verstanden dass einem Leben ohne Quad einfach eine Sache fehlt. Ein Quad. Deshalb steht ein solches definitiv auf meiner Erwachsenenshoppingliste.

Die herrliche Natur eingerahmt von stets sonnigem Wetter hat unsere Backpackertruppe ebenfalls täglich motiviert die Gegend zu erkunden. Bei unseren Wanderungen durch den Busch haben wir Wasserfälle entdeckt, Kängurus aufgescheucht und andere Farmer besucht. Noch cooler wurden nur die Ausflüge mit Lindsay, bei denen er uns zu den versteckten Highlights der Umgebung hinführte; secret spots wie abgelegene Strände, Klippen mit Blick über unendliche Baumwipfelweiten oder zu und in verborgenen Schluchten. Stets dabei war ein Seil um uns ab- und aufzuseilen. Abenteuerausflüge waren garanriert.

Die Orte waren immer eine Augenweide (wohl auch weil man sich nach dem Schlaglöcherweg wie ausgeweidet gefühlt hat) aber das für mich besondere war stets unsere Gemeinschaft.

Im Auto Witze machend wurden Reisegeschichten geteilt bei denen man den anderen aber auch sich selbst besser kennenlernen konnte. Tim, der äußerst technikaffin und absolut Gadget verliebt war, hat oft seine Drohne auf die Trips mitgenommen, mit der auch ich meinen Spaß hatte.

Weiterhin unser Gruppe vervielfältigt hat Kaylehm, der 16 jährige Sohn von Lindsay, der stets bei Ausflügen und Späßen auf der Farm mit dabei war. Mit ihm habe ich viel Zeit im Gym der Farm verbracht, wo er – als Footballspieler – mir täglich meine Grenzen aufzeigte. Bei unseren gemeinsamen Joggs/Sprints durch den Wald hat er dann aber am lautesten geschnauft. Es war ein Geben und Nehmen.

Wunderbar war auch der schwarzweiße Zottelberg, der mich morgens immer überschwallend begrüßt hat. Mit Hofhund „Boss“ (Lindsays Namensidee) habe ich so manche Stunden bei Sonnenuntergang auf der Terrasse verbracht. Eine Massage nach einem langen Tag tut einfach gut, muss sich Boss gedacht haben, wenn er mich mal wieder mit seiner Schnauze und großen Augen angestupst hat.

Ich könnte noch lange weiter über die tollen Sachen die ich erleben durfte schwärmen, aber am Ende sind es die Kleinigkeiten. Mit Lindsays Frau Ulla bei Country Rock im Auto (bei Vol. 50) die Köpfe im Takt zu wippen und viele Momente mehr lassen für mich die Farmzeit nur mit einem Wort zusammenfassen:

Familie

Hendrik

Farmurlaub mit Anzeichen von Quarantäne – Reisetagebuch #31.2

Rückblende April/Mai 2020: Tolle Arbeitskollegen, die erfrischende Arbeit in der Natur und einen stets witzelnden Boss; das klingt ja alles nach einer echt rosigen Zeit. Aber um die 3 Monate Farmaufenthalt voll und und ehrlich wiederzuspiegeln, will ich auch von den Tagen berichten, an denen es doch ordentlich graupelte. Und damit meine ich nicht das Wetter. Das war stets optimal für die perfekte Farmerbräune.

Ja heiß war es. Und die Arbeit draußen dementsprechend schweißtreibend. Die Sonnencreme und meine Wasserflasche waren zu Tage meine besten Freunde. Ich habe es genossen über mich täglich hinauszuwachsen und meine Grenzen zu finden; großen Respekt für alle die sich einem solchen Leben verschrieben haben. Lindsay, der ein wirklich harter Arbeiter ist, hat uns täglich 6-7 Stunden rangekommen und stets penibel auf eine ordentliche Arbeit geachtet (halbe Sachen gabs nicht).

Ein großer Faktor für graue Haare war weiterhin die Beziehung zu Tim. Der Franzose, der sich selbst „Carpenter“ nannte und mit 31 Jahren schon jede Menge Lebens-, Arbeits- und Menschenerfahrung gesammelt hatte (immerhin 10 Jahre mehr als ich), wusste immer zu allem eine Meinung zu haben und eine Idee oder einen Weg zur Optimierung zu finden. Gerade handwerklich war er wirklich fit und hat mir jede Menge beigebracht. Und auch lebensphilosophisch hatten wir stets gute Gespräche; zumindest in unserer Freizeit. Während der Arbeit gab’s täglich ein Kräftemessen zwischen Zweien, die es beide besser wissen wollten. Als der mit der größeren Erfahrung hat er mir oft Dinge aufgetragen und Jobs gegeben. Da ich aber uns beide als ranggleich und Lindsay als meinen Boss empfand, habe ich mir nicht jeden Befehl von Tim gefallen lassen. Gewitterpotential; hochexplosiv.

Die vielen Streits haben auch Lindsay in der Beziehung mit Tim betroffen. Er hat es nicht gern gesehen wie diese unsere Gruppe langsam spalteten. Nach weiteren Diskusionen und einem Ultimatum verließen nach knapp einem Monat Tim und Fern unsere Gemeinschaft; mehr oder minder gezwungen. Und auch wenn damit erstmal der Grund für die Unruhe beseitigt sein sollte, war der darauffolgende Monat trotzdem gespickt mit doch so einigen grauen Erinnerungen. Lindsay hat oft die Konfrontation mit mir und Zoë gesucht. Wenn der Job nicht zur kompletten Zufriedenheit ausgeführt wurde, entstanden rießige Diskussionen, die immer heiß und hitzig bis auf die Substanz gingen. Es wurde oft mit dem Rausschmiss gedroht oder zumindest der Platz auf der Farm in Frage gestellt. Insbesondere in der unsicheren CoronaZeit ein höchst unangenehmes Gefühl der Aufgeschmissenheit. Und auch wenn ich glaube, dass uns Lindsay lediglich mit dieser Taktik zu höheren Anstrengungen drängen wollte, habe ich mich doch oft missverstanden und ungerecht behandelt gefühlt. Ich erinnere mich somit an die letzten zwei Wochen als wirklich psychisch belastend, da für mich der weitere Weg nicht klar war.

Auf die ungewisse Zeit, die vielen Streits mit Tim und die wirklich anstrengende Arbeit blicke ich trotzdem mit großer Genugtuung und bin am Ende dankbar. Ich habe mich in den drei Monaten wohl so stark wie noch nie weiterentwickelt und so manche Lektion fürs Leben gelernt. Außerdem habe ich zusammen mit Zoë, der Irin, eine wirklich tolle Zeit gehabt. Wir beide haben von Beginn an im selben Boot gesessen – alleine in einer fremden Familie – und haben stets gegenseitig aufeinander Acht gegeben. Thanks for the fun time.

Hendrik

Farmurlaub mit Anzeichen von Quarantäne – Reisetagebuch #31.1

Rückblende April/Mai 2020: Das Umziehen und Versammeln auf der Farm hat neben den malerischen Sonnenuntergängen, die es hier zu bestaunen gibt, noch einen weiteren Grund: Covid-19. Der Virus bringt für Australien mit einem generellen Kontakt- und Reiseverbot und zahlreichen Geschäftschließungen jede Menge Herausforderungen; insbesondere auch für die BackpackerCommunity. Zu dieser Zeit in einer teuren Großstadt, ohne Job und das im Hostel mit jeder Menge Unbekannter leben? Keine schöne Vorstellung.

Dankbar ziehe ich mir da heute morgen meine Arbeitshose für den Tag an. Dankbar hier im Grünen mit jeder Menge Freiraum, einem eigenen Zimmer und guten Menschen um mich herum zu sein. Lindsay sponsert uns sogar einen kleinen Lohn für die Essen- und Trinkenversorgungen. Besser geht’s nicht.

In den nächsten Wochen wird dafür dann aber auch einiges geschwitzt. Die vom Buschfeuer immer noch brachliegende Farm will hergerichtet werden. Während die beiden Mädels (Zoë und Fern) hauptsächlich im Garten Beete herrichten, Blumen pflanzen und die Hotelräume streichen, steht für Tim und mich Outdoorwork an. Hier ein bildlicher Einblick:

Bei der sehr sonnigen Arbeit reißen wir die plattgedrückten Zäune ab, sägen umgestürzte Bäume auf Pfahllänge um dann wieder neue Zäune aufzubauen. Für die Selbstversorgung der Farm bauen wir zusammen außerdem ein mit Maschendrahtzaun verkleidetes Gewächshaus. Ebenfalls renovieren wir die Motels. Diese mussten auf Grund von Coronabeschränkungen mittlerweile geschlossen werden. Immerhin Lindsays Haupteinnahmequelle.

Egal. Mit viel Platz und gutem Wetter auf der Farm machen wir gemeinsam das beste daraus. Wir arbeiten im Team und Lindsay bringt uns das Benutzen der Maschinen bei – immer mit einer lustigen Geschichte auf den Lippen.

Da waren einmal zwei Deutsche Backpacker bei ihm auf der Farm; ultrahart schuftend, stets zuverlässig und immer schnell in dem was sie taten. Sie hatten nur eine Schwäche, so erzählt uns Lindsay: Gras! Die beiden hatten täglich die geteilte Wohnung eingequalmt; zur Entspannung am Ende des Tages. Soweit bewusst uns toleriert von Lindsay. Als die beiden eines morgens jedoch mit großen Augen und Grinsebacken zur Arbeit anlaufen, drückt Lindsay einem nur die Motorsäge in die Hand und zeigt auf einen großen Baum. Nicht im Stande gerade zu stehen und mit aufkommendem Angstschweiß war die Lektion genug für zwei.

Auch ich lerne die Motorsäge, Traktor und Co. zu benutzen (jedoch nüchtern) und merke wie gut es tut zusammen an einem Projekt wie dem selbst gebauten Gemüsegarten zu arbeiten. Abends sitzen wir vier Backpacker oft im Wohnzimmer zusammen, schauen gemeinsam einen Film und reden über den Tag. Mit gefällt unsere kleine Gemeinschaft, die trotz der vielen kulturellen Unterschiede doch irgendwie funktioniert.

Insbesondere kommt uns allen das Vertrauen von Lindsay und seiner Familie hier auf der Farm entgegen, bei der wir uns über die Corona-Zeit hinweg ein Zuhause machen durften.

Sonnige Grüße

Hendrik

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