Dann, wenn alle schlafen – Reisetagebuch #14.2

Heute, am Donnerstagabend rücke ich im weißen Hosteldress zur Rezeption aus, um meiner Nachtwache-Tätigkeit nachzugehen. Pünktlich um fünf vor acht stehe ich dafür in der Tür und sehe bereits Thomas, der vollbepackte „Coles“-Einkaufstaschen (so der Name eines Supermarktriesen) aus- und in den Hostelkühlschrank einräumt. 7 Weißbrotsandwich-Packs, 4 x 2,5 Liter Milch und drei Kartons meiner Lieblingsmüslisorte. Wer jetzt denkt, dass der 31-jährige gebürtige Berliner und weltenbummelnde Fotograf einfach auf Massephase ist, weiß noch nicht, dass mein Hostel ein „free breakfast“ anbietet. Da das unter uns armen Reisenden eine große Sache ist, werden damit lediglich die täglichen Frühstücksreserven aufgefüllt. Gutes Essen will vorbereitet sein. Damit ist mein erstes abendliches Doing erklärt.

Zusammen mit Thomas verbringe ich also den Abend. Die Rezeption ausgestattet mit allen essentiellen Geräten wie Gitarre, Couch und Bonbon-Glas bietet uns eine geniale Atmosphäre für die nächsten dunklen Stunden. Neben einem interessanten Gespräch mit meinem belesenen und viel gereisten Wachhund-Kollegen bewegen wir uns dann doch noch ein bisschen.

Neben den nächtlichen Late-CheckIns und so manchen Wehwehchen der Summer House Gäste springen wir hauptsächlich in der Küche und im Outdoor-Courtyard des Hostels herum. Ab zehn Uhr wird hier hinausgeworfen, geschrubbt und gekehrt. Und das nicht immer in dieser Reihenfolge. Beim Aufräumen sieht man so manches Krabbeltier und gerät in diverse Disskussionen. Egal stay calm. Weiße Weste behalten!

Gegen Mitternacht und spätestens gegen zwei Uhr fallen mir langsam die Augen zu und ich bin heilfroh als ich in mein Bettchen kriechen kann. Ganz schön zehrend… Goodbye Schlaf-Rythmus!

Hendrik

Dann, wenn alle schlafen – Reisetagebuch #14.1

Keine 10 Minuten ist der CV rübergeschickt, kommt bereits der Anruf: „Sie haben den Job!“ bzw. „Hendrik, we want you!“ Wirklich gut gefällt mir dieses Fehlen der Förmlichkeiten. Respektfloskeln wie das „Sie“ oder Herr und Frau bei der Anrede kennt Australien nicht. Ersteres lässt die Sprache nicht zu und wie cool ist es im Bewerbungsgespräch mit „Schön dich kennenzulernen, du kannst mich Emily nennen“ begrüßt zu werden? Lustig wird’s, wenn man dann einen Brief bekommt und sich wegen des unbekannten Nachnamens nicht traut, den Brief zu öffnen. Nachnamen stehen hier wirklich ganz weit hinten. Braucht man nach der Denke der Aussies wohl auch nicht, um Respekt zu zeigen.

Anyway. Freudig packe ich sofort meine sieben Sachen und mache mich auf den Weg zum Summer House Backpackers. Ein Hostel mit insgesamt fünf Standorten, verteilt in Sydney und dem Rest von Australien. Eines davon gibt mir für den nächsten Reiseabschnitt Obdach und den Job als Nachtwächter. Hendrik hat überzeugt.

Dort bin ich nach 30 Minuten Fuß(Schweiß)weg angekommen; erstmal den geschulterten Backpack hinwerfen und Wasser zur Hand! Noch im Schweißtaumeln kommen mir fast die Tränen… Im Augenwinkel sehe ich zwei Gitarren an der Rezeption lehnen. Da kommt eine tolle Zeit auf mich zu!

Die tolle Zeit läuft so: Das Hostel stellt mir den Aufenthalt im 6er-Dorm, sprich einem Bettenraum mit fünf anderen Verschwitzten äh Backpackern frei zur Verfügung. Obendrauf bekomme ich einen wöchentlichen 100$-Lohn und darf Klamotten waschen so viel ich will. Das kommt ja wie gerufen. Das Hostel liegt fünf Minuten Fußweg vom Hafen entfernt und direkt neben dem großen Royal Botanical Garden Sydneys. #Jackpot

Natürlich wollen das Hostel und die beiden Manager-Annas meine Präsenz als wachsamen Wächter. Alle zwei Tage von 8 pm bis 2 am in der Nacht soll ich dafür an der Rezeption und ums Hostel herum Augen und Ohren spitzen.

Mit diesen Voraussetzungen will man mich auf mindestent drei Monate (Kaution 50$) beim Hostel halten. Mal schauen wie lange die Pferde in mir gezäumt werden können. Morgen geht’s in mein erstes Training mit Thomas, der hier als alter Hase im Nachtschicht-Business gilt und gleichzeitig einer meiner Zimmergenossen ist.

Bin mal vorschlafen
Hendrik

Friede, Freude, Apfelkuchen – Couchsurfing #4

Wieder geht’s raus. Wieder mit Paul. Diesmal tief in den Urwald hinein. Direkt an Sydney grenzt ein mächtiges Waldareal, das aufgrund seiner farblich passenden Erscheinung „Blue Mountains“ genannt wird. Früh morgens geht’s gemeinsam im roten Mobil aus der Großstadt ins gerade mal zwei Stunden entfernte grüne Dickicht.

Voller Entsetzen bekommen wir jedoch erstmal die Ausmaße der Buschfeuer letzter Wochen und Monate vorgeführt. Der Wald ist licht, Straßenschilder verschmolzen, Zäune zusammengestürtzt und Hütten niedergebrannt.

Beim Fahren erzählt mir Paul wie er früher regelmäßig hier hoch gefahren ist, bei den ansässigen Apfelbauern zur Erntezeit geholfen und einfach eine gute Zeit hatte. Die Brandgrenze kommt so aprupt wie sie aufhört und ich kann in Paul’s Augen lesen, was er empfindet. Wenige Kilometer weiter fangen dann die Apfelplantagen an und gemütlich um 10 Uhr gibt’s frische handgepflückte Äpfel auf leckerem Mürbteigboden; kann mit Mama’s Apfelkuchen konkurrieren. Einen Sack Äpfel in den Kofferraum und weiter geht’s!

Als wir dichter zwischen die Baumriesen fahren, bekomme ich live vorgeführt wie Mutter Natur in Australien wirkt und zaubert. Trotz der Feuer stehen überall die Bäume; ja, blattlos und verkokelt aber die Stämme sind größtenteils erhalten. Die Überlebenstaktik der hier hauptsächlich wachsenden Gummibäume (Eukalyptus), die jährlich wiederkehrenden Feuer zu überleben ist erstaunlich.

Die leicht brennbaren Öle im Baum fördern sogar die Feuer. Die Strategie: Sind alle Konkurrenten verbrannt, treibt der Eukalyptus als Erstes wieder aus bevor andere Pflanzen sich erholt haben. Wie als Beweis von Stärke und wie ein wahrer Motivationscoach der ruft „Never give up, come back!“ beginnt es an den Stämmen grün zu sprießen. Zunächst ein leichter Flaum, der an den Stämmen rundherum und auch auf dem Boden das Schwarz der Kohle überwuchert und alles in lebendige Farben hüllt.

Randgeschichte für Baumbegeisterte und angehende Botaniker: Es gibt eine weitere verblüffende Baumart, namens Banksien hier. Diese überlebt nur dank der Feuer so gut, sie ist sogar regelrecht darauf angewiesen. Die Samen des Baumes sind in Tannenzapfen-anmutenden Früchten versteckt. Diese platzen erst bei großer Hitze auf und sorgen so für das Fortschreiten der nächsten Baumgeneration. Mit Feuer klappt die Fortpflanzung. Schlaue Natur!

Durch den Wald spazierend und atemberaubende Aussichten genießend schlendern wir durch die Wildnis; hin zu Klippen und Steingebilden. Und trotz (oder gerade wegen) der Unbekanntheit von Paul genieße ich seine Anwesenheit und den gemeinsamen Ausflug ins Nirgendwo. Ein langer Samstag geht zu Ende und ich bin dankbar für alles was Paul und ich heute entdeckt haben.

Gruß
Hendrik

P. S. Royal Gala Äpfel sind die besten!

Den Absprung wagen – Reisetagebuch #13.2

Montag morgen. Jesus und ich sitzen im Bus nach Wollongong; einer zwei Stunden südlich von Sydney gelegenen Natur-Prachtstadt. Direkt am Strand gelegen und von Tropenwald und Bergen abgerundet kommen wir bei klarem Himmel und Sonnenschein gemeinsam an. Mit uns im blauen Bus sitzen ein Dutzend anderer Adrenalinjunkies. Gürtel enger gezogen, gleich geht’s zum Skydiving.

Eingewiesen und das Sprunggeschirr angelegt, kommt richtige Pilotenstimmung auf. Uns wird erklärt welche Körperpositionen beim Absprung, Fall und bei der Landung einzunehmen sind. Und wie im Schwimmunterricht wird dann erstmal fleißig trockengeübt. Festgezurrt lernen wir sogleich unsere heutigen Jumpbuddies und Schutzengel für die 15.000 Fuß (stolze 4,5 km) reinste Luft kennen. Lautstark und mit Grinsen im Gesicht begrüßt mich Vinny mit Handschlag. Der Ire, der locker zwei Hendriks umfasst, ist voller Zuversicht und Vorfreude auf seinen bereits dritten Sprung des Tages. Volle Routine. Auf dem Grün vor dem Strand wird gleich gelandet.

Auch Jesus hat seinen Buddy gefunden und gemeinsam geht’s im Mini-Bus zur 15 Minuten entfernten Startbahn. Diese Zeit reicht aus, um von den Geschichten der „Instructors“, so die offizielle Bezeichnung unserer Sprungkumpels, auf den Ernst des Spaßes vorbereitet zu werden. Da wird über den gebrochenen Fuß des Kollegen im Krankenhaus gewitzelt, eigene Schrammen stolz entblößt und auf Nachfrage mit Todesstatistiken uns Greenhorns gekitzelt. Hier bekommt man wirklich was für sein Geld. Full Adrenaline incoming.

Der Sprung geht dann ratzefatz und da ich das Gefühl nicht ansatzweise beschreiben kann, seht einfach selbst.

Glücklich gelandet sind wir beide erstmal ziemlich durch den Wind. Abschließend bleibt mir nur noch zu sagen: Ich wünsche jedem, der auch mal skydivt ein so gutes Kissen wie das, welches ich mit Vinny’s Bierbauch gefunden habe. Prost an dich!

Jesus & Hendrik out

Den Absprung wagen – Reisetagebuch #13.1

Unter dem Motto „Zusammen macht’s gleich mehr Spaß“ treffe ich mich heute mit einem Freund vom ersten Sydney-Hostel. Es gemeinsam ins Powerhouse-Museum und das mit guter Hutmode.

Da ich ihn schon länger nicht gesehen habe, freue ich mich ganz besonders meinen Freund wiederzutreffen. Stolz kommt der kleine Chinese, den ich liebevoll „Jesus“ getauft habe, mit Kopfbedeckung angewatschelt. Seid Teil von Recycling auf asiatisch: Seinen Hut, erzählt er mir, hat er nämlich aus einem Eukalyptusbaum hier in Sydeny gepflückt. Klassischer Second Hat.

Gemeinsam geht’s also in das große Museum für alle großen Erfindungen der Menschheit. Wir lesen und staunen uns durch die Anfänge der plastikverkabelten Klötze bzw. den Anfang des Computers, posieren neben dem Ofen einer Dampflok wie Jim und Lukas und sind beim Start der Apollo-1-Mission mit dabei.

Beflügelt werden wir Entdecker pünktlich um fünf Uhr rausgeworfen. Ladenschluss, raus mit euch. Auf dem Heimweg erzähle ich Jesus von meiner Idee. Da er nämlich am Dienstag nach Hongkong zurückfliegt und so schonmal ein wenig Höhenluft schnappen kann, schlägt er ein. Wir suchen noch beim Zurücklaufen ein Reisebüro auf und buchen uns für Montag einen Bus nach Wollongong. Was uns da erwartet? Hier ein Vorgeschmack…

Jesus + Hendrik over

Augen auf für Neues – Reisetagebuch #12

Neben rießigen Gebäuden und Parks hat Sydney eine mindestens genauso große Menschenmasse zu bieten. Nämlich eine, die 4,3 Millionen Individuen umfässt. Und von denen kann man sich eine ganze Menge Neues abschauen.

Bereits an den ersten Tagen fallen mir die vielen Menschen auf vier-Rollen-Gefährten auf, die gekonnt über den Gehweg rasen, sich lässig durch Passanten schlängeln und über Bordsteine jumpen. Elegant diese Skater. Inspiriert von deren Leichtigkeit rolle ich bald ebenfalls meine Wege durch die Stadt. Mein Fortbewegungsstil auf dem Board ähnelt zwar mehr einem betrunkenen Pinguin… trotzdem gebe ich nicht auf und wackle mich über so manche Straße. Der für mich größte Vorteil eines Board: Sitzmöglichkeit all around the clock.

Die vielen Leute hier haben bereits einiges beeindruckendes auf die Beine gestellt. Mit dazu gehören für mich definitiv die vielen Communities, von denen ich heute abend einer beiwohne. Sie nennt sich „Sydney Lingos – Language Exchange“ und hat mehrere tausend Mitglieder beiwohnend. Heute am Treffpunkt – einer Bar nahe dem Hafen – sind es um die hundert Versammelte. Die Idee eines Sprachentreffs bei gemütlichem Ambiente und Bier fasziniert mich und bereits beim Hereinlaufen gerate ich an Lee. Der Kanadier, der englisch, deutsch, teilweise spanisch und seit neustem auch Thai spricht, ist ein interessanter, entspannter Geselle. Seit einem halben Jahr lernt er (für sich privat) die südasiatische Sprache. Und wofür? Für einen nur einige Tage bevorstehenden vierteljährlichen Urlaub bei Freunden in Bangkok. Respekt, der Mann hat Ambitionen.

Weiterhin gesellen sich ein Spanier, Brasilianer und Philippino zu uns an den Stehtisch. Cooler Besuch. Am Ende bleibt es aber Lee, mit dem ich mich abschließend für die nächste Woche auf ein Wiedersehen verabrede. Seit gespannt ihr werdet Teil eines Unternehmensbesuchs; die Marke benutzt ihr jeden Tag und hat sich sogar in unserer Alltagssprache eingebürgert…

Das Sprachen-Treffen ist jedoch nur eine Schublade von vielen. In weitere luke ich bald schon hinein. Kleiner Vorgeschmack: Fußballtreff im Stadtpark, Poetry-Slam mit Live-Musik oder auch ruhige Atmosphäre beim Zeichen- und Schreibtreff. Immer geht es darum etwas Zeit zusammen zu verbringen und immer schimmert das Motto durch: „Zusammen macht’s gleich mehr Spaß!“

More to follow
Hendrik

Treffen sich zwei Fremde – Couchsurfing #3

Wieder wirklich wenig Couch, dafür jede Menge gemeinsames surfen. Das scheint mir eine passende Beschreibung für den Nachmittag und das erste Treffen mit Paul zu sein. PAUL steht für: Privateguide, Autofahrt, Ungewöhnlich und Labern.

P wie Privatguide. Seinem schlicht gehaltenen Couchsurfing-Profil entnehme ich, dass Paul bereits den nord- und südamerikanischen Kontinent bereist und bewohnt hat. Ob daher seine Liebe zur Architektur kommt? Auf jeden Fall geht’s als Ziel unseres ersten Treffens zu einer Kunstausstellung; abgehalten in einem Bunker. Richtig, nicht wegen der Kunst, natürlich wegen des Bunkers. Wir inspizieren dunkle Räume, steigen über Schuttberge und entziffern herumliegende Patronenhülsen. Auf dem Weg zu einem Aussichtsplateau erzählt mir der in seiner Jugend Weltreisende von der Geschichte des Ortes. Kanonen und Aussichtstürme berichten von sich verteidigenden Stadtbewohnern. Tatsächlich kamen aber nie Eindringlinge. Die Kanonen wurden seither lediglich für Salutschüsse genutzt. Friedvolle Kanonen. Das lob ich mir.

A wie Auto. An die verschiedenen Orte gelangen wir umhüllt von rot und auf vier Rädern. Die meisten Aussies fahren geländetaugliche Autos und bisher alle in der Automatik-Version. So auch Paul. Der Sprit ist wegen fehlender Steuer noch dazu eine sehr günstige Angelegenheit. Umgerechnet bezahlt man die Hälfte je Liter im Vergleich zu Deutschland. Damit kommen wir selbstverständlich locker an den nächsten Strand; noch dazu an einen von Tourimassen abgelegenen. Auf dem Sand liegend erzählt mir Paul von seiner Couchsurfing-Taktik.

U wie Ungewöhnlich. Da er selbst in kleinem Appartment inkl. Mitbewohner lebt, sich jedoch die Reiselaune erhalten will, mietet er einfach ne Couch. Genauer, er bucht von Zeit zu Zeit ein Hotelzimmer und bietet fremden Kulturen – nach gemeinsamem Rund- und Ausflug in Sydney – eine Bleibe. Reise-Geschichten bei Reise-Atmosphäre.

L wie Labern. Ja das passt einfach. Mit Paul kommt keine langweilige Minute auf und nie stellt sich unangenehmes Schweigen ein. Toller aufmerksamer Typ.

Viele Eindrücke… mal wieder!

Hendrik

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