Von wegen alter Griesgram – Reisetagebuch #18.2

Da ich von den beiden alten Semestern direkt interessiert ins Gespräch involviert werde, finde ich über den sehr kommunikativen Geoff eine erste Gemeinsamkeit heraus. In seiner Jugend, erzählt er mir mit Funkeln in den Augen, sei er viel gereist. Mit 19 von zu Hause raus und alleine in die Welt hinein. Seine Reise ging von Australien mit dem Flieger nach Europa (vor einem halben Jahrzehnt natürlich ohne jegliche Technik im Gepäck). Sein Fortbewegungsmittel auf fremdem Kontinent angekommen war damals das, welches er sich mit seinem ausgestreckten Daumen vom Straßenrand angeln konnte. Heute (und gerade mir) würde er das Trampen aber persönlich nicht empfehlen. Sei für mich viel zu gefährlich, insbesondere heutzutage. Als Jungspund ohne irgendein Kommunikationsmittel ins Auto Wildfremder einsteigen, aber heute bei ständiger Dauervernetzung an der Sicherheit zweifeln. Oder hat er mich nur schon in sein Herz geschlossen? Sichtlich interessiert an meinen Plänen und meiner Art ist er offenbar.

Entgegen meiner Erwartungen habe ich mit dem australischen Englisch des hier Aufgewachsenen keine Probleme wenn es um die Verständlichkeit geht. Viel weniger durch mangelnde Englischkenntnissen und weit mehr durch die geistige Verfassung beschränkt, verfolgt Pam zunehmend verwirrt unser Gespräch. Die alte Dame, die ich als im gleichen Alter wie Geoff schätze (70-80 Jahre), unterbricht beim nächsten Thema mit Stammeln den Redefluss von uns beiden. Immer wieder will sie wissen, wie ich heiße und was ich hier mache. Die Antworten nicht abwartend wird sie über sich selbst immer wütender, da ihr die Wörter stocken. Sie stottert und verzweifelt immer mehr daran nicht das sagen zu können, was sie uns doch so dringend mitteilen will. Unfähig sehen Geoff und ich uns an und geben es nach mehreren Versuchen auf Pam ins Gespräch einzubinden.

Auch wenn die Frau eine Krankheit gehabt haben mag, kann ich mir beim späteren nach Hause schlendern den einen Gedanken doch nicht verkneifen. Der vielgereiste, belesene und stets interessierte Geoff ist im Kopf fit wie ein Turnschuh. Ganz anders also, trotz gleicher Generation. Seh nur ich einen positiven Zusammenhang zu seinem Lebensstil oder ist es einfach Zufall wie ich im Alter in der Oberstube ticke? Hm, mal weiter beobachten…

Freue mich aufs nächste Treffen!
Hendrik

Von wegen alter Griesgram – Reisetagebuch #18.1

Nach dem vielen Stühlegerücke der letzten Tage brauche ich erstmal ein wenig Ruhe. In erster Linie ist das körperliche Ruhe. Mein Kopf fühlt sich soweit fit an. Und so schlendere ich gemütlich bei wunderschön warmen Wetter auf der Suche nach neuen Eindrücken, inspirierenden Gesprächen und interessanten Geschichten durch Sydneys grüne Parklandschaft. Und wer kann wohl auf mehr Geschichten zurückgreifen, als ein Jemand, der schon lange auf dieser Welt wandelt? So oder so ähnlich denke ich als mich meine Beine vor der Anglicare-Elizabeth Lodge zum Stehen bringen. Das Altersheim, das an der Rushcutters Bay, einer Bucht mit vielen Segelschiffen, liegt, sieht von außen zunächst äußerst steril aus. Der umzäunte Vorgarten mit wenigen, im Rollstuhl sitzenden müden Gestalten und die Zahlencode versehene Eingangstür zeugen ebenfalls von Müßiggang und inoffiziellem Gewahrsam; mancher würde es als „Honig im Kopf“ titulieren.

Hier ein Ausschnitt meiner Gedanken, den Finger abwartend, zögerlich nur wenige Zentimeter vor der gelben Türklingel: „Let’s do it//gonna be fun//you know it!“

*DingDong* Die Schiebetüre des Gebäudes rollt auf die Seite und gibt den Blick auf einen großen Eingangsbereich mit seitlich angrenzendem geräumigen Wohnzimmer frei. Eine freundliche junge Pflegerin begrüßt mich von hinter der Rezeption und erkundigt sich erstmal um mein Wohlbefinden. „How are you?“ Klassisch australisch. Ich bin ehrlich und entgegne, dass ich heute sehr gut drauf sei und Lust auf eine gute Unterhaltung habe. Auf die Frage, ob sie denn hier von jemandem wüsste, dem es genauso gehe, führt sie mich grinsend zum nur wenige Meter entfernten Kaffeeklatsch eines auffälligen Opis und einer ihm gegenübersitzenden Oma. Pam wird mir die alte Lady vorgestelllt. Geoff ist der Name des Mannes, den ich aufgrund seiner farbenfrohen Tattoos nur als wahren Paradiesvogel bezeichnen kann. Neben der Körperverziehrung vermag ich nämlich nur sehr wenig seiner weißen Hautfläche zu entdecken. So einer hat doch wohl einiges zu erzählen…?

to be contattooed…

Schaffe, schaffe, Stühle (auf)bauen – Reisetagebuch #17.3

Dass ich als Teil der National Workforce als nächstes zur Arbeit in ein großes Stadion geschickt werde, kommt mir einer Beförderung gleich. Muss meiner Meinung nach an meinem ersten hochqualifizierten Auftreten gelegen haben. Auftreten wird hier im ANZ Stadium in Parramatta (ein Stadtteil von Sydney) heute abend eine mir nur allzu bekannte Truppe oder zumindest deren menschliche Überreste an Bandmitgliedernn. Nämlich die Kultband Queen. Und dafür werden von uns zahlreichen neonfarben-gekleideten Gehilfen erneut jede Menge Stühle aufgereiht. Bei einer Trinkpause in der Tribüne mit kaltem Durstlöscher in der Hand staune ich über das rege Treiben da vor mir. Wie Ameisen bewegen sich die einzelnen Punkte an Menschen und füllen gemächlich die Fläche mit 10.081 weißen Plastikstühlen (so zumindest laut Plan des Schichtmeisters).

Im Hinterund werden mit „Bohemian Rhapsody“ und „I want to break free“ die Lautsprecher getestet und aufgewärmt. Bei unserer Arbeit, die ich irgendwo zwischen geistiger Einöde und körperlicher Monotonie verordne, könnte ein Mancher durch die Musik inspiriert tatsächlich zu dem Wunsch von Songtitel Nummer zwei gelangen. Die schlafrhythmusunfreundliche Schichtarbeitszeit wirkt da nur verstärkend… *Gähn*

Doch schauen wir auf die Benefits:

Heute abend; nächster Schichtbeginn 23 Uhr zum Ende des Konzerts. Ich als pünktlicher Deutscher darf im orangefarbenen Dress das musikalische Finale des Abends genießen; bevor ich schließlich dem stulischen Anfang entgegenblicke. Abgeräumt werden die Sitze zusammen mit Südamerika-Arbeitskollege Sebastián, der nicht nur meine Skate-Leidenschaft teilt, sondern mich auch zum Spanisch lernen animiert. Gratis Spanischlektion beim Aufräumen, nicht schlecht.

Ganz anders als für mich ist für ihn aber die Arbeit weniger Spaß und Selbstbeweis sondern einfach nur eine Lebensnotwendigkeit. Die Familie in Chile und der 32-jährige selbst wollen versorgt werden. Fünf Tage die Woche auf dem Bau und wochenends Schichtarbeit mit der National Workforce. Zuckerschlecken geht anders. Zusammen beenden wir den Job.

Bereits jetzt habe ich viel aus meiner Arbeit hier gelernt. Eine Konversation zwischen Town-Hall-Hausmeister Steve (Bekanntschaft aus dem letzten Blog) und mir bringt es auf den Punkt:

Hendrik: „Do you want to do this job for the rest of your life?“
Steve: “ No of course not, I will just do it partly for now… What about you? Don’t tell me that you already know what it is for you!“
Hendrik: „No I honestly don’t, but after working here I know once more what job it is NOT going to be that I want to do for the rest of my life.“

Gruß
Hendrik

Schaffe, schaffe, Stühle (auf)bauen – Reisetagebuch #17.2

Beim Rathaus mit Skateboard unterm Arm angekommen, suche ich um Einlass zu meinem ersten Job, der mir noch gestern Abend von meiner Telefonfreundin und National-Workforce-Ansprechpartnerin Emily vermittelt wurde. Heute morgen um 6 Uhr treffe ich zunächst auf Steve, der quasi der Hausmeister des antiken Rathauses hier in Sydney ist. Für drei weitere Backpacker und mich ist er aber in erster Linie der freundliche Kumpel-Boss des Jobs.

Für ein Event am Nachmittag – der Film „The Australian Dream“ wird der Gemeinde gezeigt – stiften wir für Kinoatmosphäre im großen Saal. Innerhalb von drei Stunden bauen wir Stuhlreihe um Stuhlreihe auf und waren dabei, wie ihr seht, äußerst geometrisch am Werk.

Und auch wenn es Stühlerücken nicht auf meine Bucketliste schafft, finde ich eines doch sehr interessant. Was sonst als Besucher so organisiert, steril und unzugänglich wirkt, stellt für uns (bzw. hauptsächlich für meine neugierige Wenigkeit) den reinsten Erkundungsgarten dar. Ich sehe wie und wo Backstage das Equipment (Bänke, Stühle, Klaviere, etc.) verstaut ist und kann von der Bühne und den Zuschauerreihen aus die malerische Innenarchitektur genießen. Insbesondere sehe ich aber bei der nächsten Veranstaltung meinen Stuhl und Sitzplatz mit ganz anderen Augen!

Apropos: Am Nachmittag bin ich dann selbst zum Film da und lasse mich voller Erleichterung auf eines der bequemen roten Polster fallen. Ob die anderen Gäste wohl heute auch so gut sitzen wie ich?

Hendrik

Schaffe, schaffe, Stühle (auf)bauen – Reisetagebuch #17.1

Mit dem Hosteljob zeitweilig bedient, lechze ich weiterhin danach, mehr von der australischen Arbeitswelt zu sehen. Bei dem routiniertem alle zwei Nächte wiederkehrenden Job an der Rezeption bin ich für Flexibilität zu haben. Nachdem ich wiedermal Patrick besucht habe, bekomme ich den Kontakt einer Zeitarbeitsfirma im Labour-Bereich. Heißt für mich: Wann immer in den nächsten Tagen mein Handy klingelt, ist potentiell ein Mitarbeiter der „National Workforce“ dran und für mich ein Job zu haben.

Dort bei der Verwaltung zunächst zu einem Assessment angetanzt, werde ich anfangs in ein einstündiges Gespräch verwickelt. Bei diesem wird hauptsächlich getestet, ob ich einigermaßen bei Verstand bin und zumindest die Gehirnmasse eines halbreifen Pavians mitbringe. Weiterhin wird in einem körperlichen Belastungstest, der vergleichbar mit einem McFit-Probetraining ist meine Verschleißbarkeit geprüft. Ich habe vier funktionsfähige Gliedmaßen und ein ausreichendes Denkvermögen; ich bin eingestellt.

Nicht all zu viel erwartend, dennoch motiviert mit dem Blick auf neue Herausforderungen, skate ich wenige Tage drauf zu meinem ersten Job. Hier ein erster Einblick was vier Stunden meines Montag morgens ergeben haben.

Muss mich jetzt erst mal hinsetzen. Bald mehr Stories…

Hendrik

Regionale Rockstars – Reisetagebuch #16.2

„Ob ich schonmal Musik gemacht habe?“, fragt mich die elegante Frau, die trotz entspanntem Outfit unter den anderen am anmutigsten wirkt. Sharon heißt sie und ist mit der Engelsstimme und ihrer unwiederstehlichen Art die ideale Gesangslehrerin der kleinen Gruppe. In dieser aus mehreren Frauen und Männern bestehendem 50er-Treffen (50 wie das Alter, nicht wie die Mitgliederanzahl) ist neben mir heute noch einer dabei, der erheblich den Altersschnitt drückt. Da sitzt Arami, geborener Algerier und seit kurzem – mit Hilfe von hiergeborener Verlobter – australischer Staatsbürger. Auch er sieht im Sessel-Stuhlkreis sitzend und die Gegenüber vorsichtig abcheckened ein wenig unsicher aus. Oder fühl nur ich mich so? Doch der Jux kommt!

Sofort nach Namensaustausch geht’s an die Gesangskunst. Zunächst wird sich dafür gemeinsam aufgereiht und mit mehreren Dreiklängen am Klavier die Stimme aufgewärmt. Aaaaah, Oooooh, Uuuuuh, Eeeeeh, Iiiiih. Keine Geräusche von Alterssschwäche sondern Sharons Methode zum Ölen der Stimmbänder! Und nach nur wenigen Minuten sind wir beide – von anderen Kontinenten – bereits voll dabei und mit vereint im Kreis der Trällertruppe.

Und dann kommt das große Show-Off. Reihum darf jeder zu Hause eingeprobte Stücke vortragen; bei Bedarf auch mit akkustischer Verstärkung. Es beginnt Bob. Mit kleiner Gitarre, flinken Fingern und Country-Stimme singt er ein Lied und schnipst und klopft dazu, dass niemand stillen Fußes im Sessel sitzen kann. Ein anderer trägt mit bloßer Stimme eine gefühlvolle Ballade vor. Sogar Operngesänge bekommen wir zu hören. Sopran at it’s best!

Mir wird dann auch noch etwas entlockt. Spontan improvisierend fällt mir nur ein echter deutscher Klassiker ein. Mit Klavieruntermalung gebe ich fein auswendig gelernt „Alle meine Entchen“ zum Besten. Auch Arami überzeugt mit tiefer Stimme die Gruppe. Als später auch noch seine bessere Hälfte hereinspaziert und ebenfalls mit ihrer Powerstimme auf Celine Dion macht, ist der Nachmittag komplett. Wie ich darauf erfahre, wurde er nur als Kundschafter vorgeschickt. Na klar.

Freude strahlend hüpfe ich nach Hause; mit jeder Menge Songideen im Kopf und Serientermin im Kalender. Mehr „hört“ ihr bald.

Hendrik

Regionale Rockstars – Reisetagebuch #16.1

Verkatert nach der Nachtarbeit erwache ich in meinem Hochbett und höre (und rieche) bereits die anderen Schnarchenden in meinem Raum, die wohl ebenfalls eine lange Nacht hatten. Die kitzelnden Sonnenstrahlen und der deutsche Schlafrhythmus in mir lassen mich um 8 Uhr aus dem Bett steigen und führen mich zum frischen Frühstück. Interessiert daran, wo ich denn nun mit meinem Hostel gelandet bin, erforsche ich die Umgebung und die Lage von „Kings Cross“. Der Spaziergang und die Gespräche auf dem Fußgängerweg führen mich an einen Platz, der schon bald mein zweites zu Hause wird.

Der Community-Centre-Gedanke stellt eine Möglichkeit der Regierung dar, um insbesondere der älteren pensionierten Bevölkerung einen Treff- und Austauschpunkt zu geben. Ich gelange also zum „Reginald Murphey Community Centre“ und werde – auch als Jungspund – sofort vom Leiter namens Bishop begrüßt . Im Grinsen des 35-jährigen Manns aus Gahna strahlen mir weiße Zähne entgegen auf die eine freundliche Vorstellung folgen. Ich kann in ihm sofort eine Menge Lebensfreude, Kreativität und Power spüren, die sich ebenso auf den ganzen Laden hier übertragen. Inklusive auf das wöchentliche Aktivitätenprogramm, das ihr hier seht und für das ich direkt begeistert meinen Kalender checke.

Doch ohne große Pläne zu schmieden, stellt mich Bishop direkt der Gruppe vor, die gerade nicht zu überhören ihr Zusammentreffen an diesem Freitag Mittag hat.

„Ob ich schonmal Musik gemacht habe?“

Hört bald!
Hendrik

Hör mal wer da googelt – Reisetagebuch #15

Ins Internet zu gehen ist wie die Welt zu bereisen. Man findet eine Menge komische Sachen und ab und an stößt man auf einen wahren Goldnugget. Ihr erinnert euch noch an den Thai-lernenden Lee vom Sprachentreff? Heute, Montag nachmittag, vom Skydive noch zerzaust – besuche ich ihn auf der Arbeit. Diese brachte den Kanadier vor über einem Jahrzehnt nach Sydney und damit nach Australien. Studiert und promoviert wie er ist, wurde der zuletzt als Professor in den USA arbeitende Informatiker von DER Firma schlechthin angeworben. Ich bin auf dem Weg zu Google, Sydney. Der Goldnugget heißt Lee.

Ganz unscheinbar von außen rockt das Unternehmen von innen die Fassaden von den Wänden. Lee führt mich durch das Wolfühlresort Google; bestehend aus großen Essbereichen und mehreren Ruheräumen mit Hängematte und Dimmlicht. Es geht durch Besprechungsräume mit lustig, kreativen Designs und vorbei an jeder Menge intelligent aussehender Leute. Ich erfahre, dass man hier Kochkurse, Yoga, Massagen und Therapeuten besuchen kann. Große Bücherregale, Sporträume und mit Liebe zum Detail versteckte Geheimnisse. Und nebenher wird gearbeitet.

Die Büros, in die Besucher wie ich zumindest durch die Glasfronten hereinluken können, sind großräumig und gut belebt. Lee erzählt mir, dass Google dem Mitarbeiter den Raum gibt sich intern sozial zu engagieren. Und so macht Lee nach vollbrachtem Tageswerk auf Lehrer für eine asiatische Stabkampfart. Er und seine Kollegen sind so auch über die Arbeitszeit gemeinsam aktiv, den Teamgedanken auslebend. Solches und vieles weiteres schnappe ich in den gut zwei Stunden Rundgang über die vier Etagen von Lee und der doch so angenehmen Arbeitsatmosphäre auf. Toller Tag und toll ein Besucher gewesen zu sein! Danke Lee und guten Flug nach Thailand!

Grüße
Hendrik

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